Mittwoch, 23. September 2015

Dorfgespräche

Wer kennt sie nicht, die Tratschgeschichten, die aus einer Mücke einen Elefanten machen.
Zum Beispiel die Titelstorys diverser Klatschheftchen: "Schock für Prinzessin Maxima! NOT-OP!"  
Hat man den Artikel aufgeschlagen stellt sich raus, dass lediglich dem Hund der Großtante unter Narkose der Zahnstein entfernt wurde.
Eigentlich rechnet man doch mit einem engen Angehörigen, der mit Blinddarmdurchbruch oder einer entfernten Niere auf Intensiv liegt, aber sowas? Zahnstein?! Wie schrecklich! Der arme Hund, ich möchte mir gar nicht vorstellen wie schlimm diese schweren Stunden für 's Königshaus gewesen sein mussten...

Ähnliches kennt man auch unter den You Tubern. Man sieht das Vorschaubild, am besten noch mit Mütze auf'm Kopf und dem vielversprechenden Titel "Ich war beim Friseur: Haare kurz!" 
Dann klickt man aufs Video, in der Erwartung einer Totalveränderung und wat is? Die gleichlangen Haare wurden von Schlüssenbein- zu "Achtung"   Schulterlänge gekürzt und man sieht bis auf 3 cm Längenunterschied gar nix!!!               

Na gut, in beiden Fällen kann man das noch recht einfach mit dem Erhöhen der Absatz- bzw. Klickzahlen erklären, doch auch ausserhalb der Medienwelt wird auch gern mal aus ner Kleinigkeit eine riesen Nummer gemacht.

Besonders in ländlichen Regionen, wo jeder jeden kennt, ist das Gang und Gäbe. In unserem Dorf haben so ziemlich alle mal Stoff für eine sensationelle Story geliefert, auch wenn es im Endeffekt nur ne Banalität war, die eigentlich kein Schwein interessiert hätte. Aber wenn man sie ordentlich aufbauscht und jeder noch ne Kleinigkeit dazuerfindet, wirds ganz schnell erzählenswert.

Da wäre zum Beispiel die Geschichte, als im nahegelegenen Stausee ein Mann von einem Hecht in den Zeh gezwickt wurde. Natürlich kursierten danach diverse Horrorstorys: Vom zerfleischten Fuss bis zur Amputation des Beins war alles dabei.

Neulich kam es wieder zu einer ähnlich brisanten Entwicklung. Morgens wurde ich schon von einer äußerst gesprächigen Nachbarin angequatscht:"Hast du das schon von Schubert's Hans gehört? Den haben sie gestern an der Tankstelle verhaftet!!!"
Besagter Hans war der Vater einer meiner Freundinnen und ich kannte ihn schon seit meiner Kindheit. Ich konnte mir viel vorstellen, aber das nicht!
Am Vormittag traf ich beim Einkaufen eine Bekannte, die bestätigte, sie habe beim Tanken gesehen, wie 2 Polizisten ihn ins Auto verfrachteten.
Im Laufe des Tages hörte ich diese Version noch mehrfach. Zum Abend hin, hatte sich die Geschichte vervollständigt: Diverse Mitbürger behaupteten nun, er hätte offenbar versucht die Tankstelle zu überfallen und wäre dabei überwältigt worden! 

So langsam verwirrte mich das Ganze dann doch Einen Tag später meldete sich meine Freundin per Whats App. Sie wollte mich mal fragen, ob ich schon die neuesten News von ihrem kriminellen Vater gehört hätte. Es stellte sich raus, dass er an diesem Tag im Stehbistro der Tankstelle einen Kaffee getrunken hatte, um sich die Zeit zu vertreiben, während sein Auto in der Kfz Werkstatt nebenan stand. Er und die beiden Polizisten, die kurz darauf in die Tanke stiefelten, waren befreundet und kannten sich schon ewig. Nach einem kurzen Gespräch, bot einer an, ihn mitzunehmen und nach Hause zu fahren, da es mit der Reparatur länger dauerte als geplant.

Er stieg hinten im Streifenwagen ein und wurde dabei von mehreren Leuten gesehen, die sich anschliessend lauter wirre Geschehnisse zusammenphantasierten.

Er nahm das Gerede mit Humor, meine Freundin und ich fanden die ganze Situation ebenfalls so skurril, dass wir uns erstmal köstlich amüsierten.

Eigentlich ist es aber gar nicht so witzig wenn man bedenkt, wie rufschädigend so ein Gequatsche sein kann. Zum Glück ebbte alles genauso schnell ab, wie es gekommen war. Als klar wurde, dass er nicht in Haft sass und ohne Fussfesseln übers Dorffest schlenderte, war das Thema schon wieder uninteressant.
Wenn den Leuten langweilig ist, muss man eben selbst für das Drama sorgen, selbstverständlich nur bei Anderen.

Vielleicht bin ich ja die Nächste, wenn ich zu lange nach der Weihnachtsdeko im Keller krame, da könnte ja was ganz anderes hinterstecken, ein Crystal Meth Labor oder so ;)



Kommentare:

  1. Haha oh mein Gott, da hast du ja wieder etwas nieder geschrieben. Ich finde so ein getratsche ja wirklich furchtbar! wenn ich daran denke, graut es mir gerade ein wenig davor, wieder zurück aufs Dorf zu ziehen- auch wenn es nur für ein paar Monate sein wird...

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  2. Ahaha, wie herrlich - solche Geschichten kenn ich nur zu gut!
    Wir haben letzte Woche in unserem 148-Seelen-Dorf ein altes Haus besichtigt und es war sehr amüsant, wie sich die Nachbarn alle verhalten haben, um möglichst viel von der Sache aufzuschnappen^^
    Der eine fuhr in Schritttempo am Grundstück vorbei, der von gegenüber hat in seinem Vorgarten jeden vertrockneten Blumenstängel einzeln abgeschnitten und jedes Blättchen einzeln abgezupft und eine Oma ist gleich mehrfach vorbei gelaufen und hatte jedes Mal etwas anderes in der Hand, was sie natürlich ganz dringend irgend jemanden vorbei bringen musste....
    Man kann nichts geheim halten!
    Vermutlich bin ich schon schwanger und deswegen brauchen wir ganz dringend ein Haus, weil unsere derzeitige Wohnung zu klein wird...

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    1. Hahaha, das hätte auch bei uns sein können XD

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  3. Davon kann ich ein Lied singen. Die wissen eh schon "alles", obwohl ich mit denen nicht mal einen Wort rede. Ich weiß nicht, was bei mir im Dorfe so darüber geredet wird, denn ich bin taub und kriege so nichts mit. Mir doch auch egal. Nur manchmal erzählt mir meine Oma und Tante davon, da wir zusammen leben. Aber die interessieren das auch nicht so. Bloß meine andere Oma ist leider die größte Traschtante (Tratschoma?? haha) und kennt das Wort "Geheimniss" überhaupt nicht und Privatsphäre für unsere Familie, völliger Schwachsinn!

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